Go West – Auf dem Havellandradweg von Nauen nach Rathenow

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volle Distanz: 54.31 km
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Der Havellandradweg geht über 130 km von Berlin bis nach Havelberg. Ich nahm mir das Stück zwischen Nauen und Rathenow vor. Immer Richtung Westen.  Go West !

Logo des Havellandradwegs

Logo des Havellandradwegs

Dieser gutgelaunte rote „Brandenburger Adler“ wird mich auf den nächsten 55 Kilometern begleiten. Los geht es in Nauen. Man hat kaum das Bahnhofsgebäude verlassen, stolpert man quasi schon über den ersten Wegweiser „Zu den Radwegen“. Vollkommen problemlos werde ich auf den Radweg geführt, der als ausgewiesene Fahrradstraße Nauen Richtung Westen verlässt. Kaum habe ich Lietzow von weitem passiert, präsentiert sich das brandenburgische Rindvieh in seiner ganzen Vielfalt. „Welches Schweinderl, äh Rinderl hättens denn gern?“  Von braun, schwarz, über schwarzbunt bis weiß ist alles vertreten. Über einem abgemähtem Feld stehen und jagen zeitweise bis zu 6 Milane. Irgendwann spitzelt dann der Kirchturm von Ribbeck hinter den Feldern hervor.

Welche Farbe darfs denn sein?

Welche Farbe darfs denn sein?

Der Weg führt zwar nur an Ribbeck vorbei, aber ich würde es mir nie verzeihen, nicht wenigstens einmal beim Birnbaum vorbeigeschaut zu haben. Den Birnbaum habe ich nicht gefunden. Da war zwar ein Schild „Birnbaum 130 m. Das nächste Schild war dann „Birnbaum 80 m“. Allerdings in die andere Richtung. Anscheinend habe ich da was verpaßt? Abgesehen davon, weiß ich überhaupt wie ein Birnbaum aussieht und würde ich ihn gar erkennen? Wenn keine namensgebenden Früchte dranhängen wohl eher nicht. Dafür habe ich das Waschhaus gefunden. ein nettes Café gleich neben der Kirche. Auf die Frage, wo denn hier der Birnbaum stehe, bekam ich die lakonische Antwort: „Irgendwo da neben der Kirche. Aber drüben am Schloß haben sie 16 neue gepflanzt, für jedes Bundesland einen.“

Nach einer Tasse Kaffee mache ich mich wieder aus dem Staub, da gerade auch Hochzeitgesellschaften usw. in den Ort einfallen. Der Radweg führt jetzt auf einer ruhigen Straße nach Paulinenaue. Kurz vor dem Marienhof sehe ich es auf der rechten Seite im Augenwinkel orange aufblitzen. Ein Busch mit orangefarbenen Blüten. Beim zweiten Blick sehe ich erst die Schoten, die noch mit dranhängen. Ich habe keine Ahnung, was ich da sehe. Zuhause sagt mir der Kosmos Naturführer, das dies ein Blasenstrauch ist. Allerdings ist er in der Rubrik Süd- und Südosteuropa aufgeführt. Nicht schlecht fürs Westhavelland.

Durch diese Begebenheit, muß ich wieder an die subjektive Wahrnehmung bei verschiedenen Geschwindigkeiten denken. Mit dem Fahrrad vorbeifahren = kurzer Eindruck einer Farbe im Augenwinkel, stehen bleiben = wahrnehmen von orangefarbenen Blüten und nach einem weiteren Moment der Ruhe das Erkennen der Schoten. Ich habe im TV mal einen Bericht darüber gesehen. Allerdings wurden da die Wahrnehmung aus einem ICE und einem Auto heraus und als Fußgänger verglichen. Beeindruckend. Mein einschneidendstes Erlebnis habe ich diesbezüglich auf Usedom gehabt. Auf einer Tour um den „Lieper Winkel“ kam ich gerade aus einem Waldstück. Rechter Hand befand sich ein Feld. Die Aussicht gefiel mir auf den ersten Blick so gut, dass ich anhielt. Was dann geschah, wird mir wohl immer im Gedächtnis bleiben. Ich hielt also an. Zuerst schien das Feld ruhig und leer zu sein. Doch dann war es, als ob ein unsichtbarer Maler, wie in einem Bild, die Szenerie mit Leben erfüllte. Zuerst sah ich geradezu vor einem Feldrain einen Bussard fliegen, der zu einem Sturzflug ansetzte, und anscheinend einem anderen Bussard die Beute streitg machen wollte. Auf der rechten Seite am Waldrand sah ich ein paar Rehe stehen. Auf der linken Seite flitzten zwei Feldhasen hakenschlagend dem linken Waldrand entgegen. Hinten, vor einem weiteren, etwas größeren Feldrain patrollierte ein Rohrweihenmännchen immer auf der selben Route hin und her. Dahinter muß wohl ein Feuchtgebiet oder Bach sein, denn ich sah einen Graureiher starten. Nun kamen auch noch die Geräusche dazu. Von weitem der Kuckuck, etwas näher neben diversen Singvögeln das Miauen der Bussarde und ein gelegentliches Meckern eines Eichelhähers oder Spechtes. Dann auf der linken Seite ein lautes Schreien aus den Baumwipfeln heraus. Und dann erschienen sie, die Könige der Lüfte. Ein Seeadlerpärchen kreiste kurz über dem Waldstück, und verschwanden dann in den Wipfeln. Dort müssen sie wohl ihren Horst mit Jungen gehabt haben. Das Seeadlermännchen war schon ein etwas älteres Exemplar, denn es sah fast schon wie ein Weisskopfseeadler aus. Weißer Stoß und extrem heller Kopf, der in der Sonne regelrecht strahlte.

Westhavelland

Westhavelland

Der Radweg mündet jetzt in die Straße von Berge nach Paulinenaue. Vorbei geht es am Sportflugplatz Bienenfarm. In den Beschreibungen war ja schon angekündigt, dass hier der Radweg auf der Straße verläuft. Es herrscht zwar etwas Verkehr, aber im Gegensatz zu anderen Gegenden von Brandenburg nehmen die Autofahrer beim Überholen etwas Rücksicht und halten reichlich Abstand. Durch Paulinenaue selber gibt es wieder einen extra Radweg, der Richtung Süden wieder aus dem Ort herausführt. Direkt in die Pessiner Heide. Der Wald hier ist ein wahrer Hänsel und Gretel Wald. Teilweise undurchdringliches Unterholz und es scheint, als ob es dort finster und auch bitterkalt ist. Bei meinem nächsten Fotomotiv am Ende des Waldes befällt mich so was wie Panik. Das rote Blinken in der rechten oberen Ecke des Digitalkameradisplays ist die Ursache dafür. Vergessen aufzuladen. Was jetzt? Schluß mit Fotos? Geht ja gar nicht. Muß die Handykamera halt herhalten. Aber da kann man auf dem Display kaum was erkennen. Und plötzlich schlägt die Panik um in Erleichterung. Ich hab ja noch die Fuji mit. Die schleppe ich manchmal mit, wenn ich weiß, es kommen Motive, bei denen der Autofocus der Samsung nicht das macht, was ich will. Diesmal war ich nur zu faul, das Ding aus der Tasche zu nehmen. Ich sag ja immer, Redundanz ist das halbe Leben.

Was ist das jetzt wieder. Das Feld neben mir macht Geräusche, als ob gleich ein Güterzug aus dem Mais bricht. Nee, ist bloß ne Windbö. Doch die bringt gleich auch etwas Nässe mit. Der Himmel war ja die ganze Zeit schon schwarz. Zumindest in der Richtung, in die ich mich bewegte. Unterstellen und Regenjacke raus. Nach 10 Minuten konnte ich dann in leichtem Niesel weiterrollen. Der hörte dann zum Glück auch noch auf. Nach dem Passieren von Pessin und dem Erreichen des 38 m hohen Seeberg konnte ich von seinem „Gipfel“ aus ein Rohrweihenpärchen bei der Übergabe der Jagdbeute beobachten. Jetzt biegt der Weg nach rechts gen Senzke ab. Hier treffe ich einen alten Bekannten wieder. Den Havelländischen Großen Hauptkanal. Etwas verkrauteter als neulich in Lochow. Aber kein Vergleich zu den vielen anderen Kanälen und Gräben, die teilweise richtig zugewuchert sind.

Einer der vielen zugewucherten Gräben

Einer der vielen zugewucherten Gräben

In Senzke gehts an der Kirche links weiter. Durch Kriele durch. Auch Kriele hat hier, wie fast jedes andere Dorf auf meiner Tour, eine Kirche. Ich komme mir schon vor, wie mein Opa. Der hat auch jede Kirche, die er gesehen hat, fotografiert. Ach nee, mein Opa hat ja noch photographiert. Trotzdem, so langsam tritt eine Übersättigung ein. Ich fotografiere, zumindest heute keine Kirchen mehr. Der nächste Ort hat einen etwas außergewöhnlichen Namen (Kotzen) und war bestimmt schon tausendmal der Grund für Hohn und Spott. Also schließe ich mich dem nicht an, sondern überlege, ob ich die Tour abkürzen soll. Nach Nennhausen und dort den RE4 nehmen. Aber da gibt es wohl keinen Radweg. Also strample ich weiter nach Stechow. Nach Stechow führt der Weg bis Rathenow durch den Wald. Er ist asphaltiert und läßt sich deswegen leicht rollen. Die Ruhe ist einfach himmlisch. Und als ich dann an einem Rastplatz nicht weit vor Rathenow in der Sonne sitze, nicker ich doch glatt ein bißchen ein.

 

 

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