Onkel Albert und der Hungerast

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Eine herrliche Dampferfahrt über die Uckerseen von Prenzlau nach Warnitz mit anschließender Radtour um den Oberuckersee.

Seit über eineinhalb Jahren spukte eine Tour in meinem Kopf herum. Das Kernstück bildet eine Dampferfahrt über die Uckerseen. Wobei das eigentlich Interessante die Passage durch das größte zusammenhängende Schilfgebiet Deutschlands auf dem Uckerkanal zwischen den beiden Uckerseen ist.  Den Floh hat mir ‚Punkt 3‚, das Magazin von S-Bahn Berlin, Regio Nordost und der TMB ins Ohr gesetzt. In der Ausgabe 18/2014 erschien der Artikel „Durchs Schilf mit Onkel Albert“. Jetzt wurde dieser Spuk sozusagen wieder an die Oberfläche gezerrt. Erst machte meine Schwester eine Tour nach Prenzlau und die Uckerseen, und dann veröffentlichte Tine in ihrem Blog „Unterwegs in Berlin“ die Geschichte ihrer Tour in die Uckermark und an die Uckerseen.
Jetzt gab es auch für mich kein Halten mehr. Ich mußte die Tour unbedingt machen, und zwar möglichst schnell. Die Daten der Reederei hatte ich natürlich vorher schon recherchiert. Die Touren über beide Uckerseen mit der Kanalpassage werden nur Di, Do und Sa angeboten. Zufälligerweise sagte der Wetterbericht für Donnerstag schönstes Wetter voraus. Auch mindestens 30° waren angesagt. Egal, ist ja nur ne abstrakte Zahl. Und mit hohen Temperaturen hatte ich bisher ja noch nicht so Probleme gehabt. Eine kurze E-Mail an die Reederei und mich und mein Fahrrad für Donnerstag angekündigt.

Der Donnerstag kam. Und zwar schon um 4:30 Uhr. Aufstehen, um 5:30 Uhr das Haus verlassen und um 6:32 Uhr den RE3 am Hauptbahnhof erwischen. Hat alles geklappt. Es wäre aber nicht die Bahn, wenn nicht ein paar Minütchen Verspätung hintenraus drin sind. Egal, der Puffer ist groß genug. Das Schiff legt erst um 10:00 Uhr ab. Der Fahrstuhl läßt mich vom Bahnsteig wie üblich in einem Fußgängertunnel hinab. Rechts eine Treppe, links eine Rampe die nach einem leichten Rechtsbogen nach oben verschwindet. Also keine Frage wo es lang geht. Die Rampe zieht sich ganz schön und spuckt mich irgendwo in der hintersten Ecke des Bahnhofsviertels aus. Nach einer kurzen Orientierungsphase stelle ich fest, dass ich auf der falschen Seite der Gleise bin. Aber glücklicherweise ist die Auffahrt zur nächsten, sprich einzigen Brücke leicht zu finden.

Auf der anderen Seite geht es jetzt den Berg runter. Am ‚Stettiner Tor‘ finde ich den ersten Wegweiser. Richtung Uckersee geht es links lang. An der Ampel bewundere ich noch die Kirche St. Jakobi, und weiter gehts den Berg runter. Nach einer großen Ampel gibts den nächsten Wegweiser. Uckersee – rechts. Mist umdrehen und wieder über die Ampel zurück auf die andere Seite, wo ja der Radweg in der richtigen Fahrtrichtung langgeht. Kann man den Wegweiser nicht vor der Ampel setzen? Und weiter den Berg runter, vorbei an der Marienkirche. Den Berg runterrollern und dabei Sightseeing machen, das gefällt mir. „Gleich danach sehen Sie auf der rechten Seite die ‚Heilig Geist Kapelle‘ und gleich dahinter den Mitteltorturm“ sagt mein imaginärer Fremdenführer in meinem Kopf. Und endlich sehe ich den Unteruckersee auf der linken Seite auftauchen.

Zur Dampferanlegestelle geht es immer an der Uferpromenade lang. Alles pikobello sauber und Top gepflegt. Ich bin begeistert. Rechts und links versetzt erläutern Hinweistafeln die Geschichte der Stadt und der Uckermark und bringen den Lesern die Natur rund um die Seen nahe. Das Ende der Promenade naht. Kinderspielplatz, Wohnmobilstellplatz und Freibad. Dazwischen das Gelände der Reederei mit einem Schaukasten. Dort hängt ein Plan mit den Seen und den Schiffsrouten.
Witzigerweise sind hier, wie auch im Internet, die Seen waagerecht abgebildet. Wahrscheinlich, um den Betrachter nicht zu verwirren. Denn wie auf einer normalen Karte eingenordet, wäre der Unteruckersee im Norden, also oben, und der Oberuckersee im Süden, also unten. Die Ucker fließt auf der Karte demnach von unten nach oben. Aber ich dachte, Wasser fließt immer von oben nach unten. Verflixt, jetzt ist es passiert, ich bin verwirrt.

Durchs Schilf mit Onkel Albert

Wer ist Onkel Albert? Wie schrieb ‚Punkt 3‚ so schön: „Bei Onkel Albert handelt es sich aber nicht um einen netten, älteren Herrn aus der Gegend, es ist vielmehr der Name eines Fahrgastschiffes.“ Und da liegt er, der Onkel Albert. Schläft noch. Ist ja noch früh. Pünktlich Viertel vor Zehn ist boarding. Wegen dem Fahrrad heißt es nur: „Lass man stehn, wir machen das!“ Das ereinnert mich doch sehr stark an die Fahrt mit dem ‚Rasenden Roland‘ bei meiner Rügenreise. Nachdem ich mir den besten Platz auf dem Oberdeck gesichert habe, kommt der Ruf „Da kommt der Reisebus“. Mit der Ruhe ist es vorbei. Aber ohne die zusätzlichen Passagiere würde die Tour nicht stattfinden. (Mindestteilnehmerzahl: 10). Also –> lächeln.

Schließlich landet auch das Fahrrad auf dem Dach der Passagierkabine. Ein letzter Blick zurück auf Prenzlau, und los gehts. Die Fahrt geht über den Unteruckersee, durch den Uckerkanal und den Oberuckersee nach Warnitz. Zuerst gehts an die Westseite des Sees an Röpersdorf vorbei.

Röpersdorf_headerDie Sonne brutzelt gnadenlos vom wolkenlosen Himmel. Zum Glück habe ich meinen Basedeckel dabei. Da, wir erreichen endlich die Einfahrt in den Uckerkanal (eigentlich die Ucker). Jetzt beginnt das Abenteuer durchs Schilf. Der Kanal ist nur unwesentlich breiter als das Schiff. Und tief ist es hier auch nicht. Auf der Backboardseite breitet sich ein endloses Schilffeld aus. Auf der Steuerboardseite ist es wesentlich abwechslungsreicher und damit auch spannender. So hab ich mir das vorgestellt. Nur die Vögel machen sich rar. Die Rohrsänger sind kaum zu hören. Lediglich die Nachtigall kann sich manchmal gegen die ständig gackernde Busgesellschaft auf dem Oberdeck durchsetzen. In der Ferne kann ich mit dem Fernglas ein paar Rohrweihen erkennen und das Schiff scheucht einen Schwarzmilan und eine Rohrweihe auf, die sich aber gleich verziehen.

Der Uckerkanal fließt jetzt durch den Möllensee. Einen vollgelaufenen Torfstich.  Danach treffen wir ein paar Wasserwanderer auf dem Kanal, der ja auch Teil des Wasserwanderweges Uckerseen – Stettiner Haff ist. Um Onkel Albert vorbeizulassen, müssen sie sich ganz schön ans Ufer quetschen. Schließlich erreichen wir den Oberuckersee, umfahren die Burgwallinsel und legen am Steg von Warnitz an. Ich nehme mein Radl wieder in Empfang und will zwecks orientierung zur Ortsmitte. Die Straße dorthin ist so steil, das ich schieben muß. Dabei merke ich schon, dass mir ganz schön heiß ist. Ich komme oben an einem Cafe an. Die Außenplätze sind alle schon besetzt. Also nur im Baumschatten ausruhen und den GPS-Tracker fertig machen.

 

Rundtour um den Oberuckersee

volle Distanz: 18.83 km
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Ab in den Süden. Richtung Südspitze des Oberuckersees. Der Radweg Oberuckerseerunde wird hier auch als einspurige Straße genutzt. Deshalb sieht man überall Ausweichstellen mit ihren, an Filmklappen erinnernden Hinweiszeichen. Und die Endmoränenlandschaft zeigt ihr typisches Bild. Es ist hügelig. Gott sei Dank gibt es laufend Punkte mit schöner Aussicht. Das ich mal durchschnaufen kann. Heute macht mir die Hitze aber wirklich zu schaffen. Das ich keine Bergziege bin, war mir schon vorher bewußt. Aber es wird bei jeder Steigung schlimmer.

Kurz nachdem der Weg scharf nach rechts abbiegt, ist es soweit. Die eine Steigung war dann doch zu viel. Ich muß absteigen und kriege sofort weiche Knie. Ich muß mich auf den Boden setzen und kann mich an einem Absperrgatter anlehnen. Glücklicherweise ist es hier im Wald jetzt schattig. Als Sofortmaßnahme erstmal ein paar Traubenzuckerstücke eingeworfen und reichlich getrunken. Ich hätte vielleicht zwischendurch etwas essen sollen. Das Frühstück um 5:00 Uhr war wohl doch etwas lange her. Dabei habe ich mich am Hauptbahnhof eingedeckt. Der „Fanblock Sommer“ muß jetzt dran glauben. Pfff. Der ist jetzt schon so trocken, dass es staubt. Aber die Cranberries sind lecker. Ich merke, wie es mir von Minute zu Minute besser geht. So fühlt sich also ein Hungerast an. Ich packe alles wieder zusammen und werde die Weiterfahrt wagen. Zumindest in den nächsten Ort. Dort kann ich mir, wenn es nicht gehen sollte immer noch ein Taxi bestellen, um nach Prenzlau zurückzukommen. Es geht auch mal wieder bergab und an einer Badestelle vorbei. Danach sehe ich an einem Parkplatz direkt am Weg so eine Sitzgruppe mit Dach. Beim Näherkommen rieche ich es schon. Pfui. Das stinkt ja wie ein Dixi-Klo. => Keine Pause.

Der nächste Ort, Suckow, ist nicht weit. Dort ist auf der Karte ein Gaststättensymbol eingezeichnet. „Gut Suckow“. Als ich dran vorbei fahre, kommt mir nicht mal der Gedanke, dort einzukehren. Piekfein mit wahrscheinlich etwas gehobener Gastronomie. Wie konnte ich auch auf die Idee kommen, ich könnte in der Pampa was Essen gehen, wann, wo und was ich will. Ich wage es, weiter zu fahren. Nach Fergitz. Es gibt zwischendurch immer Passagen, die bergab gehen. Bei den Steigungen steige ich ab, wenn es zu anstrengend wird. So geht es eigentlich ganz gut. Nur dass die guten Aussichten jetzt auf den Bergabstücken sind. Keine Fotos, denn was mal rollt, soll man rollen lassen. In Fergitz habe ich nicht mal einen Blick für die schöne Kirche, die ich vom Schiff aus von weitem gesehen habe. Als nächstes ist ein Wegstück an der Reihe, dass auf der Karte wie eine Gewitterwolke aussieht. Was wollen mir die Farben sagen, wenn nebenan alles hellbeige ist und die andere Seite als Sumpfgelände ausgewiesen ist. Mir schwant schlimmes, als ich sehe, dass der Weg keine Ausweichstelle hat, sondern gleich eine ganze Ausweichspur hat. Das bedeutet schieben. Und jetzt wird auch noch dieses richtig anstrengend. Aber die Anstrengung wird belohnt. Am „Gipfel“ erwartet mich statt eines schnöden Aussichtspunktes, ein Tip Top ausgebauter und gepflegter Rastplatz „Potzlower Seenblick“. Pause im Schatten mit grandioser Aussicht und einem kühlenden Lüftchen.

Die Pause dehnt sich. Obwohl die Bauern auf den Feldern und Wiesen mit ihren Traktoren und Erntemaschinen kräftig Ballett machen, fällt es mir schwer mich aufzuraffen. Ich werde auch nicht bis nach Prenzlau fahren. Sondern ich nehme den Abzweig in Potzlow nach Seehausen. Kurz vor Seehausen überquert man den Uckerkanal auf einer Brücke, unter der ich vorhin noch den Kopf einziehen mußte. Dann erreiche ich mein heutiges Paradies. Die Radlergaststätte und Gartencafè Klostergarten. Hier richte ich mich für die nächsten zwei Stunden ein. Toller Garten, tolles Radler und tolles Bauernfrühstück.

Auf dem Weg zum Bahnhof Seehausen, komme ich an dieser ominösen Tür vorbei, die auch Tine in ihrem Bericht schon erwähnt hat. Für mich ist es die „Tür der Fantasie“. Wer weiß, in welch tolle Welten sie führen mag.

Auf dem Bahnhof fasse ich den Entschluß, nochmal wiederzukommen. Aber dann werde ich mir wahrscheinlich ein E-Bike mieten.

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Eine Antwort zu “Onkel Albert und der Hungerast

  1. Wunderbar, das u.a. mein Blogpost dich dazu bewegt hat, die schöne Uckermark zu erradeln. Den Unteruckersee kann ich dir auch noch empfehlen. Sind aber nur 30km.

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