4. Tag

4. Tag:   Vilmnitz – Binz – Lietzow

volle Distanz: 41 km
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Abreisebereit

Abreisebereit

So, der Tag 4 ist sozusagen eine Überführungsetappe zur nächsten Basis. Ich checke heute so früh aus, das ich ohne Frühstück, d.h. vor allem ohne Kaffee, losziehen muss. Ich will nämlich wieder schummeln. (Vielleicht sollte ich den Titel umbenennen in „Rügen – eine Schummelreise…“). Denn ich will den ersten Rasenden Roland an diesem Morgen erwischen und mich bis Binz chauffieren lassen. Heute lässt der Schaffner das Fahrrad nicht draußen stehen und lehnt auch meine Hilfe, das vollbeladene Ding hochzuhieven, nicht ab.

Die Lok lässt einen fürchterlichen Pfiff los und dampft langsam los. Jetzt bin ich fast wach. Da mir aber immer noch der Kaffee fehlt, zieht die Landschaft irgendwie dumpf und ereignislos an mir vorbei.

In Binz angekommen, mache ich mich durch einen vollkommen leeren Ort zur Seebrücke auf. Binz scheint wohl noch zu schlafen.

Seebrücke von Binz

Seebrücke von Binz

Der Ostseeküstenradweg führt jetzt erstmal eine Zeit lang auf der Strandpromenade lang. Und dort sehe ich auch schon meine Rettung. Die Rügener Kaffeerösterei, deren hervorragenden Kaffee ich ja schon in Thiessow auf dem Rügen Markt genießen durfte, hat hier eine Filiale. Dort verpflege ich mich nicht nur in flüssiger Form, sondern nehme auch gleich ein Pfund Kaffee mit. Das zusätzliche Gewicht ist mir vollkommen egal.

Wenn man Binz dann Richtung Norden verlässt, führt der Radweg durch die „Schmale Heide“. Diese Verbindung zwischen der Granitz und der Halbinsel Jasmund ist an der schmalsten Stelle nur knapp über einen Kilometer breit. Richtig bekannt ist dieser Inselstreifen aber wegen diesem hässlichen Monstrum von Prora. Nachdem diese 4 km lange Anlage der Nazis wegen des 2. Weltkriegs nicht zu Ende gebaut werden konnte, versuchten die Russen das Teil zu sprengen. Hat nicht geklappt. Wenn schon hässlich, dann aber bitte in „Deutscher Wertarbeit“.

Naja, glücklicherweise ist der Radweg hier eine sogenannte „Autobahn“, und man lässt die Anlage schnell hinter sich.

Um meine Augen wieder an die Schönheiten der Natur zu gewöhnen, mache ich einen Abstecher zu den zwischen Prora und Mukran gelegenen Feuersteinfeldern. An dieser Stelle wurden die vor 4000 Jahren aus den Kreidefelsen herausgewaschenen Feuersteine durch starke Sturmfluten an Land geworfen. Der Zugang zu den Feuersteinfeldern erfolgt über einen kleinen Weg, der unter anderem durch einen Erlenbruchwald führt.

Erlenbruchwald

Erlenbruchwald

 

Feuersteinfelder

Feuersteinfelder

So langsam komme ich mir hier aber vor wie am Strand. Dutzende von Menschen, die Köpfe gesenkt auf der Suche nach schönen Feuersteinen.Das ist mir dann zu doof und ein kurzer Blick auf die Karte lässt in mir eine Idee reifen. Auf dem Rückweg von den Feuersteinfeldern zum Hauptweg zweigt der Fernwanderweg E10 ab, der direkt nach Lietzow führt. Da ich ja in den letzten Tagen den E10 teilweise schon als Begleiter hatte, sehe ich eigentlich kein Problem und biege gemäß der Karte links ab. Nach einer Weile wunder ich mich aber, das der Weg die parallel laufenden Gleise nicht verlässt, und auch immer schmaler wird, so dass ich mit dem Gepäck immer häufiger im Gebüsch hängen bleibe, und ich mich verdammt konzentrieren muss, die schmale Rinne des Weges zu treffen. Ein Verfehlen hätte die selbe Wirkung, als ob ich in Berlin in die Straßenbahnschienen einfädeln würde.

Pilgerweg

Pilgerweg

Da mir jetzt das ganze etwas unheimlich wird, zuppel ich noch eine andere Karte aus dem Rucksack. Ein Blick sagt mir sofort, dass ich zu früh abgebogen und auf dem Jakobs-Pilgerweg „Via Baltica“ bzw. dem Jakobus-Pilgerweg der heiligen Birgitta von Schweden bin. Dieser verläuft etwas südlicher als der E10. Weil ich mich aber schon eine Weile gequält habe, und der Hinweis „Lietzow 4 km“ schon gefühlte 5 km her ist, versuche ich mein Glück und werde kurzfristig „Pilger“. Mittlerweile muss ich mein Gefährt schieben und die Sonne knallt ganz schön kräftig vom Himmel. Belohnt werde ich aber immer wieder mit herrlichen Ausblicken auf das Heidemoor am Bodden.

Heidemoor

Heidemoor

Auf einmal macht der Weg einen Knick nach rechts in den Wald und will eine Etage höher. Die Stelle ist so steil, dass ich beim Schieben ständig auf dem harten, trockenen und mit lockerem Sand bedeckten Waldboden wieder runterrutsche. Als ich schon abpacken will, um den Kram einzeln hochzuwuchten, greifen die Schuhe endlich und ich erreiche mit Hängen und Würgen das nächste Level. Der Pfad hat sich in einem kleinen Höhenweg verwandelt und gestattet einen guten Weitblick über den „Kleinen Jasmunder Bodden“ mit der Halbinsel Thießow (man beachte die Schreibweise), die Halbinsel Pulitz und den Stendarhaken.

Höhenweg

Höhenweg

 

Kleiner Jasmunder Bodden

Kleiner Jasmunder Bodden

Der Weg spuckt mich dann bei den Gleisanlagen des Lietzower Bahnhofs aus. Hoch über dem Bahnhof thront das Schlößchen Lichtenstein.

Schlößchen Lichtenstein

Schlößchen Lichtenstein

Auf der Suche nach dem Störtebecker-Camp stelle ich mal wieder fest, das Rügen keine flache Insel ist. Nachdem ich mich mal wieder ein paarmal verfranst habe, nehme ich den Schlussanstieg von l’Alpe d’Huez in Angriff. Mann, ist das bescheuert, dass ich die Karre schon wieder schieben muss. Es kann aber nicht nur am Kaffee liegen. Die Sonne brutzelt immer noch schön, und ich komme vollkommen verschwitzt an der Rezeption an. Das zum Campingplatz gehörende Gästehaus entschädigt mich dann doch noch für meine Strapazen.

Das neue Quartier

Das neue Quartier

Ich lasse den Abend gemütlich im Platzrestaurant ausklingen. Gibt zwar kein Störtebecker Bier, ist aber trotzdem lecker.

Gute Nacht.

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